Septembergedanken

Eigentlich bereitet es Sorge und macht nachdenklich, wie sehr sich unsere Politiker derzeit für die Maschine des Wahlkampfes öffentlich aufschaffen und abarbeiten müssen. Erinnern Sie sich an den Beinahe-Absturz des Flugzeugs, in dem 2009 Franz Müntefering saß? Er sah sich verpflichtet direkt nach dem knapp überlebten Flug einen Bierzelttermin wahrzunehmen. The show must go on. Anscheinend um jeden Preis und – man wird irgendwie das Gefühl nicht los – für nichts und wieder nichts. Jedes Publikum ist auf seine Weise gnadenlos und treibt die Akteure auf der Bühne an und vor sich her. Getan und gesagt wird, was uns gefällt und heraus kommt nicht selten Unschönes oder gar die Gefährdung für Leib und Seele. 

Da auf vielen Bühnen gespielt wird, muss um Aufmerksamkeit gebuhlt werden. Aus allen Rohren wird auf Zuschauer, Wähler und Konsumenten geschossen, mit allen Möglichkeiten, die Papier, Rundfunk und Computer hergeben. Dabei entsteht ein gewaltiges Hintergrundrauschen aus Schnipseln von Bildern, Klängen und Botschaften – zu denen übrigens auch dieser Text gehört. Vor dem medialen Hintergrund hebt sich das wirkliche Leben deutlich und klar ab. Kopfschmerzen, die Parkinson-Erkrankung der Tante, die nicht bestandene Prüfung eines der Kinder, die tägliche Arbeit, das ist der Stoff, aus dem das Leben ist. Ein Spaziergang, die lärmenden Kinder auf dem Spielplatz, ein Kaffee, ein kleines Gespräch mit der Nachbarin, das macht das schwere Leben leicht. 

Wer würde nicht gern der unter Strom stehenden Welt kurzerhand den Stecker ziehen und rufen: „So, jetzt kommt mal zur Sache, zum eigentlichen Leben!“ Zur Sache kommt als Politiker leider nur, wer durch das Hintergrundrauschen schreit und es damit doch nur verstärkt. Um Wahlen zu gewinnen, muss man viel von Showbusiness verstehen und gut unterhalten können. Respekt dem, den das als politisch tätigen Mensch nicht beschädigt. Respekt dem, der es schafft, seine Sache, überzeugend, ruhig und unaufgeregt zu vertreten. Eine Sisyphusarbeit.

Es erstaunt, wie locker und leicht Ressentiments gegen Politiker geäußert werden. Und es ist erstaunlich, dass Leute deprimiert sind oder wütend werden, weil sie sich durch eine Macke am Auto, eine etwas zu lange Wartezeit oder einen unhöflichen Kellner betrogen fühlen. Man vergisst schnell, was wirklich zählt. Manchmal hilft uns erst ein furchtbares Ereignis. Dann blitzt die Einsich auf, was für ein außergewöhnlicher Glücksfall es ist, überhaupt da zu sein. Zu leben ist ein unwahrscheinliches Ereignis, ein Glück von gigantischen Proportionen. Von einem Biologen hörte ich: Stelle dir ein Staubkorn neben einem Planeten vor, der eine Milliarde Mal so groß ist wie die Erde. Dieses Staubkorn repräsentiert deine Chance dafür, geboren zu werden, der riesige Planet die Chancen dagegen. Angesichts dieses Glücks zu leben, könnte man aufhören, sich den Tag durch einen Kratzer im Lack, Unfreundlichkeit oder Nichtigkeiten verderben zu lassen. 

Seien wir also nicht der Undankbare in Jesu Gleichnis, der eine riesige Schuld erlassen bekommt und nun seinem Nächsten das Leben mit Banalitäten zur Hölle macht. Seien wir der eine von den zehn in einer anderen biblischen Geschichte, der an den Dank für sein geschenktes Leben denkt. Seien wir der Mensch, der weiß was zählt und was wichtig ist. 

Wer dabei nicht nur an sich denkt, sondern andere und das Gemeinwohl im Blick hat, könnte ein sehr guter Politiker werden. Das ist schwer, nicht nur auf das zu schauen, was für einen selbst und die Seinen wichtig ist. Besser wäre es, wie ein guter Politiker es tut, auf die Menschen zuzugehen und wenn es sein kann auch auf Gottes Fürsorge zu bauen. Sorgen könnten sich dann in Für-Sorgen verwandeln.

Das gehört übrigens zum Grundwissen aller KonfirmandInnen, deren Unterricht in diesen Wochen wieder losgeht: Weil Gott für mich sorgt, habe ich den Rücken frei und kann für andere da sein, also auch politisch aktiv oder gar PolitikerIn werden. Wer sich zur Wahl stellt, hat allen Respekt verdient.